Plagiatsfall: Warum dpa die «Taxi-Queens»-Berichte zurückgezogen hat

Von Froben Homburger, dpa

Junge Mädchen, die Freifahrten und Geschenke bekommen, wenn sie sich auf Sex mit älteren Fahrern von Taxis und Minibussen einlassen: Diese dpa-Geschichte hat vor rund 10 Tagen viel Aufmerksamkeit bekommen. Jetzt stellt sich heraus: Zumindest Teile des Berichts waren plagiiert.

 

Die Deutsche Presse-Agentur hat am Donnerstagabend vier Versionen eines Korrespondentenberichts aus Südafrika zurückgezogen, weil Teile davon aus einem acht Jahre alten englischsprachigen Text plagiiert worden sind. In den Ende Oktober im dpa-Basisdienst gesendeten Lang- und Kurzfassungen ging es um den Missbrauch junger Mädchen in Südafrika, die als «Taxi-Queens» gegen Sex Freifahrten in privaten Minibussen erhalten. Die Story einer Hospitantin aus dem dpa-Büro Johannesburg war in mehreren Tageszeitungen und Onlineportalen veröffentlicht worden und hatte besonders in den sozialen Medien viele Diskussionen ausgelöst.

Was genau wurde nachweislich plagiiert?

In dem dpa-Bericht kommt unter anderem der 41-jährige Taxifahrer Howard zu Wort, der erzählt, wie Mädchen mit Drogen gefügig gemacht werden. Die Passage ist nahezu wörtlich aus dem am 17. Dezember 2010 online veröffentlichten Artikel «Wanderlust: the taxi queens of South Africa» der Journalistin Iva Skoch übersetzt, ohne dass dies an irgendeiner Stelle kenntlich gemacht wurde. Selbst das damalige Alter des Mannes blieb unverändert. Die Autorin des dpa-Berichts hat diese Übernahme inzwischen auf Nachfrage eingeräumt und als Versehen bezeichnet.

Gibt es Hinweise auf weitere Plagiatsfälle in dem Bericht?

An der Herkunft und Sicherheit weiterer im dpa-Text genannten Quellen bestehen derzeit zumindest Zweifel. Bei mehreren Aussagen einer Wissenschaftlerin wird nicht deutlich, dass es sich großteils wohl nicht um Zitate aus einem Gespräch mit der dpa, sondern aus veröffentlichten Studien handelt. Der Bericht übernimmt von dem englischsprachigen Text auch einen auffälligen Rechtschreibfehler im Vornamen des Direktors einer Kinderrechtsstiftung. 

Wie ist der Text entstanden?

Die Hauptrecherche lieferte eine Hospitantin aus dem Johannesburger dpa-Büro, die derzeit an einer Journalistenschule studiert. Sie wurde nach eigenen Angaben über einen Fernsehbericht auf das Thema aufmerksam, stieß bei der Recherche auf den englischsprachigen Text von 2010 und interviewte zusätzlich Experten und Taxifahrer. Ein Unicef-Interview, das der dpa-Regionalbüroleiter Afrika führte, ergänzte die Berichterstattung.

Wie kam der Plagiatsverdacht auf?

Einer Redakteurin eines dpa-Kunden waren die Parallelen zwischen dpa-Bericht und dem englischsprachigen Text von 2010 aufgefallen. Sie informierte die dpa über den Fall.

Welche Konsequenzen zieht die dpa?

Eine Kommission unter Leitung der dpa-Chefredaktion wird die Umstände, die zu diesem Artikel geführt haben, aber auch die Prozesse nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe detailliert untersuchen und aufarbeiten. Die Kommission soll bis zum 19. November einen vorläufigen Bericht vorlegen. Bereits jetzt gilt als erste Konsequenz: Hospitanten und andere Journalisten, die als freie Mitarbeiter neu zu dpa kommen, dürfen ohne intensive Gegenrecherche der Redaktion keine wichtigen oder aufmerksamkeitsträchtigen Geschichten schreiben. Die Autorin des «Taxi-Queens»-Textes wird nicht mehr für dpa arbeiten.

Warum hat dpa die komplette Berichterstattung zurückgezogen?

Ein Plagiatsfall gehört zu den Worst Cases eines jeden Mediums. Recherchen oder Textpassagen anderer Autoren als eigene auszugeben, beschädigt das höchste und wichtigste Gut ganz besonders einer so großen Nachrichtenagentur wie der Deutschen Presse-Agentur: ihre Glaubwürdigkeit. Und dabei spielt es keine Rolle, ob ein Artikel in Gänze oder nur in Teilen plagiiert wurde.